Portemonnaie verloren

Portemonnaie verloren

Am Mittwoch machten wir uns zu sechst auf runter zum Fluss. Ein Teil wollte zusammen Indiaca spielen und ich freute mich darauf, mit meinen Hunden und der Nelly, einen Spaziergang zum See zu machen. Ich habe diese Stille, dieses mit mir fast allein sein sehr genossen. Ich fühlte mich EINS mit dem was gerade ist. Nachdem ich den Fluss überquert hatte und auf der Anhöhe war, schaute ich den anderen eine Weile beim Spielen zu. Der Wind trug leise die Töne ihrer Stimmen zu mir, verstehen konnte ich nichts – das Schöne daran war dieser Frieden, die Ausgelassenheit mit der sie zusammen spielten und mein SEIN hier mit mir und den Hunden allein. Fülle.

Irgendwann kehrte ich zurück. Wir saßen alle gemeinsam auf zwei Wolldecken mitten im Gras – ja, im „Winter“ ist hier in Andalusien Frühling. Endlich wird alles wieder grün. Eine wunderschöne, nicht zu heiße, nicht zu kalte Zeit, in der die Natur hier erwacht. Abends dann ein Feuer im Kamin und, es ist das erste Mal, dass ich einen Holzofen habe, der auch wirklich richtig heizt, manchmal es sogar im Wohnzimmer so heiß ist, dass ich den Vorhang in den Flur zu meinem Zimmer aufmache, damit das Zuviel an Wärme sich verteilt.

Aber zurück zur Wolldecke mitten auf der Wiese. Vier spielten Skat. Der Einsatz waren Wallnüsse die uns der Baum hinter unserem Haus geschenkt hat. Gegen 18 Uhr brachen wir auf. Bevor ich ins Auto einstieg, holte ich noch den Haushaltsgeldbeutel raus, daraus fischte ich 20 Euro für Gerado, bei dem wir auf dem Heimweg eine Kiste Gemüse und eine Kiste Früchte abholten.

Zu Hause angekommen packten ich meinen Rucksack aus. Fütterte meine Tiere, half beim Reintragen der Kisten. Räumte den Autoschlüssel weg, fütterte den Holzoffen und dann … das Portmonaie war weg. Der Monat hat erst gerade begonnen also mit dem ganzen Geld für einen Monat Lebensmitteleinkauf. Umpf. Ich stieg also, „bewaffnet“ mit Konnes „Glarus 1000 oder 2000 oder was weiß ich“ (Taschenlampe) und fuhr nochmals zum Fluss herunter. Dachte, vielleicht ist mir der Geldbeutel, statt in den Rucksack, auf den Boden gefallen … Fehlanzeig. Nichts. Nada. Also fuhr ich wieder nach Hause und fand mich damit ab, dass ich das eben im letzten Monat, durch meine Arbeit gepfückte Geld, nun halt für das Ersetzen des verlorenen Geldes, investiere. Wirklich geärgert hat es mich nicht. Der Satz der dabei hoch kam war: Wie gewonnen so zeronnen. Klar, stinkte es mir etwas. Aber ich konnte es ja nun nicht mehr ändern und war DANKBAR, dass ich das Geld überhaupt jetzt ersetzen kann. Das war seit ich hier in Andalusien lebe, nicht immer so …

Zu Hause angekommen suchte ich nochmals das ganze Haus ab, schaute in den Kühlschrank, Garage, im Holzkorb … Nichts. Nichts. Nada. Also akzeptieren und los lassen. Konne und ich setzen uns in warme Wohnzimmer und philophierten etwas über den erleben Tag und dabei ist mir einiges, was ich unbewusst wahrgenommen oder was mit mir ohne das ich es merkte geschehen ist.

Das erste Ding war, dass ich das Gemüse bei Gerado einludt und wir weg fuhren, ohne dass ich mich von ihm verabschiedet habe. Dann, dass ich wohl die Wasserflasche aus meinem Rucksack genommen haben muss, da diese am Ende des Esstisches, wo sie für mich definitv nicht hingehörte, stand …

Ich muss also ab einem unbestimmten Zeitpunkt an diesem Nachmittag / Frühabend „aus mir raus“ gefallen sein und stand irgendwie neben mir. Den ich hatte nur eine wage Erinnerung daran, was ich beim Nachhausekommen eigentlich alles „schnell, schnell“ gemacht habe.

Während ich mich mit Konne austauschte ist mir, einiges über mich klar geworden. Darüber wie ich mich hier zurück in Periana fühle. Für jene die es nicht wissen, ich habe als ich im Mai 2016 hier runter kam, ein Jahr, genauer 13 Monate, schon mal hier gelebt und natürlich mit den Menschen die auch jetzt noch hier leben, meine persönlichen Erfahrungen gemacht. Was mir damals schon nicht gefiel und was immer noch da ist, ist dieses übereinander reden. Der will möglichst nicht mit dem, diese nichts mit der, jener nichts mit dieser, etc., zu tun haben. Man lässt sich zwar leben, ist freundlich wenn man sich begegnet aber auch froh, wenn man einfach nichts miteinander zu tun/schaffen hat … B-)

Ein altes Thema zeigt sich mir. Mich abzukapseln, mich nicht zu zeigen und mein Vertrauensthema in mich und andere, winkt mir gerade mit den Zaunpfahl zu und will erlöst werden.

Was macht das mit mir?
Die erste Frage ist natürlich an mich selbst, mit wem will ich möglichst nichts zu tun haben und wie rede ich über Andere? Was hindert mich meine Herztüren einfach weit zu öffnen, was macht mir im zwischenmenschlichen Miteinander „Angst“, wovor schrecke ich zurück und verkrieche mich in mein Schneckenhaus? Was will ich wirklich (er)leben? … … …

Meine „Situation mit Periana verunsichert mich. Ich habe an diesem Abend realisiert, dass ich wie eine unsichtbare Mauer um mich habe. Ich spüre, dass ich (Über)vorsichtig bin mit dem was ich erzähle. Also, meine Herztüren sind nur ein wenig offen und dies tut mir selbst nicht gut – ich weiß aber auch noch nicht wie ich es für mich ändern kann. Und dann kommt die Frage oder Feststellung: Tja, offensichtlich hast du da, liebe Michèle noch was zu tun oder zu lernen, zu erfahren, auch wenn du noch nicht verstehst was es ist. Mh, na gut. Wird wohl einen Sinn haben, warum ich nochmals in die Nähe von Periana gezogen bin. Vamos a ver, was das Leben sich dabei gedacht hat … 🙂

Am nächsten Morgen meinten Jennifer und Konne, dass sie sicher sind, dass der Geldbeutel wieder auftaucht. Etwas in mir war gleicher Meinung aber James, mein Verstand sagte: Mach dir bloß keine Hoffnung, dass das Geld wieder auftaucht. Ich wollte mich dieser Hoffnung nicht hingeben sondern mich damit abfinden, dass das eben erst gepflückte Geld wieder weg ist …

Gegen 9.30 Uhr an diesem neuen Morgen fuhren wir gemeinsam nach Periana rein, jeder hatte dort etwas kleines zu erledigen und wir freuten uns darauf, in der Sonne sitzend gemeinsam einen Caffee zu trinken und ein Pituffo zu essen. Nach etwas 2 Stunden waren wir wieder zu Hause.

Jennifer wollte ihre Tür aufschließen und ihr Schlüßel war weg. Sie war im ersten Moment ähnlich aufgebracht/verwirrt wie ich am Abend davor. Lief nochmals raus und dort wo sie ihn depiniert hatte genauer nachzuschauen und da lag er, etwas abseitz von dem Ort wo sie ihn „versteckt“ hatte.

Wir können nur vermuten, dass einer der Katzen ihn gefunden und damit gespielt hat. Sie bückt sich nach ihrem Schlüßel, Konne und ich stehen hinter ihr als sie auf einmal sagt: „Michèle, schau mal was da liegt!?!“ Der Haushaltsgeldbeutel! WOW. Unfassbar und sich jeder Logik, wie der da draußen auf der Terrasse zwischen die Blumentöpfen geraten ist …

Wir waren alles so … so … tief berührt, ergriffen … Uns allen dreien liefen die Tränen, uns still umarmend, über die Wangen.

Abends besuchte Johannes uns und er stellte eine Frage: Was, welchen Bezug haben Schlüßel und Geld miteinander? … Was ist die Botschaft für jeden von uns und für uns gemeinsam?

Da fühle ich gerade hinein und nein, verstanden habe ich sie noch nicht 🙂

Also abwarten und Tee trinken … schmunzel

Alles fügt und erklärt und heilt, transfomiert, erweitert sich in der Gelassenheit, im Annehmen dessen was ist, im Akzeptieren der Lücke, des Nichtswissens … meine Erfahrung.

Das irdische Leben ist schon eine kuriose, spannende, witzige und durchaus spannende Angelegenheit … Kicher

 

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