Das Ende der Liebe?

Stefan Trumpf – Die Seite

Es ist ja nicht so, dass ich mich zu den sozialsten Menschen dieser Erde zählen würde.
Große Menschenansammlungen sind mir in der Regel ein Gräuel und selbst Familienfeste lass ich schon mal unter den Tisch fallen.
Meine für mich typische Distanz hat mir schon das eine oder andere Mal die Frage eingebracht, ob ich vielleicht mit Mr. Spock verwandt sei.
Ich ziehe dann gern meine linke Augenbraue hoch und sage: „Faszinierende Frage!“
Aber Spaß beiseite, man könnte sagen, ich habe „Social Distancing“ schon praktiziert, bevor man uns den Mund verbunden hat.

Und glaub mir, das wird kein Beitrag über die Sinnhaftigkeit von Mund-Nasenschutz und ich ergreife auch keinesfalls Partei für irgendwelche Chaoten, die glauben, im Dienste der „Freiheit“ Schaufensterscheiben einschmeißen zu müssen.
Ich mische mich in solche Diskussionen nicht ein.
Sie bringen nichts, da ein differenzierter Blick auf solche Themen nicht gefragt ist.
Untwerfe ich mich nicht dem Meinungsdiktat der einen oder anderen Seite, bin ich entweder linksgrünversifft oder Nazi. Beides könnte nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein.

Was ich aber sehr wohl beobachte und auch ein bisschen alarmierend finde, ist die Tatsache, was die aktuelle Situation aus manchen Menschen macht.
Wo uns der gesunde Menschenverstand bis 2019 noch gesagt hat: „Wenn Du erkältet bist oder eine Grippe hast, dann bleib gefällig zu Hause, damit Du niemanden ansteckst.“, wird man 2020 nicht nur isoliert, man wird gesellschaftlich geächtet, wenn einem mal – vielleicht sogar allergiebedingt – ein Nieser auskommt.
Menschen, die man bis vor Kurzem noch mit Handschlag begrüßt hat, oder die, wie in Österreich gern praktiziert, ein Küsschen auf die Wangen zur Begrüßung bekommen haben, weichen vor Dir zurück, als würde Deine Nähe den sicheren, körperlichen Tod bringen, obwohl Du kerngesund bist.

Die Angst hat uns alle fest im Griff.
Und wenn nicht uns alle, dann doch sehr viele von uns.
Mit Vernunft und Hausverstand ist dieser Angst auch nicht mehr beizukommen.
Es ist, als klammerten die Menschen sich verzweifelt an dieses Gefühl, denn was würde geschehen, wenn man es ihnen nähme? Müssten sie dann wieder selbst denken – oder viel schlimmer: Müssten sie dann wieder selbst fühlen?

Wir alle wissen, wie gut uns die Berührung eines geliebten Menschen tut.
Wir wissen, wie wichtig für unser Immunsystem eine Umarmung, ein Kuss auf die Stirn, ja selbst ein sanftes Streicheln des Rückens ist.
Wie gut tut uns ein aufmunterndes Schulterklopfen, eine Hand, die unsere in der Krise hält, eine Berührung, eine Geste.
Doch das alles trauen sich viele Menschen schlicht nicht mehr.
Es könnte verboten sein!
Mein Gegenüber könnte den Virus in sich tragen!
Ich könnte Überträger sein!
Tragisch!

Und Auswüchse extremster Art sind Überlegungen, Kinder von ihren Eltern zu trennen, wenn die Gefahr besteht, einer der Familie könnte Überträger dieser verflixten Grippe sein. Mich erfüllt das mit Sorge, denn wie wichtig war doch Mutters Fürsorge, wenn wir als Kinder mit Fieber im Bett lagen. Sie war doch das Beste am Kranksein – vielleicht von den Hui-Buh-Hörspielen mal abgesehen…

All das soll uns genommen werden und viele von uns schreien bereitwillig „Ja!“
Sie geben bereitwillig einen Teil ihrer Menschlichkeit auf, aus Angst.
In ihrer Angst werden sie dann auch zu Denunzianten und Hütern einer nicht existierenden Instanz von Hygienewächtern.
Berührung: verboten!
Nähe: verboten!
Küssen: verboten!
Liebe: verboten?

Sind denn Berührungen, Nähe und Wärme nicht Ausdruck dieses wichtigsten aller Gefühle, dieses Grundes für die echte Begegnung zweier Menschen?
Sind sie nicht der natürlichste Ausdruck von Empathie und Liebe?

Was geschieht mit uns, wenn man uns diese Ausdrucksmöglichkeiten nimmt?
Was geschieht mit der Liebe, wenn die durch Berührungen hervorgerufenen Bindungshormone nicht mehr produziert werden?
Was geschieht mit der Empathie, wenn wir nur noch abwehrend die Hände heben, sobald uns ein Mensch zu nahe kommt?

Wir können ganz aktuell einen massiven Wandel der Gesellschaft beobachten.
Wo die Diskussion über Klimawandel, Gendergerechte Sprache, Rassismus schon ideologische Blüten trieb und die Menschen voneinander trennte, scheint nun in letzter Konsequenz die Spaltung komplett vollzogen zu werden.
Wenn im Familienverbund einander argwöhnisch begegnet wird, wenn unser Nächster denunziert wird, wir einander nicht mehr umarmen dürfen, wohin wird uns das mittelfristig führen?

Wird Liebe dann nur noch im Untergrund leben?
Werden wir zu Vogelfreien, weil wir einander echte Berührung und Begegnung schenken wollen?
Wie sehr werden wir von dem entfremdet, was uns menschlich macht?
Wie sehr lassen wir uns vom Wesentlichen ablenken?

Wie einfach könnte es sein, wenn wir uns nicht einander, sondern der Angst verweigerten?
Wie einfach könnte es sein, wenn wir unsere Intuition gebrauchten, statt uns von den Medien diktieren zu lassen, was für uns gut ist?
Wie einfach könnte es sein, wenn wir bereit wären, die Augen füreinander zu öffnen, mit dem Herzen wieder sehen lernten, uns erinnerten, was es heißt, Mensch zu sein?

Wir können in Wahrheit nie voneinander getrennt sein.
Wir sind alle eins.
Wir teilen einen Raum, teilen ein Selbst, das uns alle durchdringt.
Erinnern wir uns daran, leben wir aus uns selbst, weisen wir die Angst in ihre Schranken und gehen wir wieder aufeinander zu – wie auch immer.

Und bevor Du diesen Beitrag jetzt als überzogen zurückweist, lass mich Dich fragen:
Wie handhabst Du es?
Was beobachtest Du?
Wann hast Du das letzte Mal jemanden von Herze

n in Deine Arme geschlossen?

(c) Stefan Trumpf, darf aber gern geteilt werden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code