DAMALS

Manchmal schaue ich zurück. Verbleibe eine Weile im Kinosaal und schaue mir Filmsequenzen aus meinem Leben an. Was für ein spannendes, ereignisreiches, abenteuerliches Leben. Cool.

Und wenn ich damals schon gewusst hätte, dass dies hier alles nur ein Spiel ist, dann …

Was wäre dann? Dann wäre es wohl ein anderer und nicht mein Film. Denn meiner konnte sich nur so ereignen, wie er sich ereignet hat.

Hin und wieder spiele ich in diesem Film. Bleibe stehen und frage mich, was wäre geschehen, wenn ich eine andere Entscheidung hätte treffen können?

Ich nehme wahr, dass es viele Menschen gibt, die meinen, wenn sie DAMALS anders entschieden hätten, dann … Die Idee, dass dann alles besser, schöner, einfacher, freudvoller … gelaufen wäre. Dieses Programm läuft in vielen ab, eine Art Endlosschleife die flüstert: Eh, „alde/r“, du hast es verkackt. Hättest du dich damals anders entschieden, ja dann …

 

Ehrlich? „Scheiß drauf!“ Ich weiß, sehr unweiblich … hahaha

 

Wirklich, lass es! Ich habe lange in der Vergangenheit gelebt. Hinkte und hastete irgendwie immer hinter dem Geschehen hinterher. Ich hatte das Gefühl, dass das Leben einfach viel zu schnell ist und ich nicht hinterher komme. Was ich nicht durchschaut hatte war, dass ich einfach nicht im JETZT lebe sondern in Ereignissen verweile, die passé sind, an denen ich nichts mehr ändern kann – wie lange ich auch darin bleibe und Lösungen für etwas suche, was gar nicht mehr aktuell ist, gar nicht mehr existiert – es ist nur noch in meinem Hirnwindungen! …

Ich habe irgendwann begonnen zu lauschen. In mich hinein zu hören und meinen Mindfuck wahrgenommen. Begriffen, dass ich meine Zeit damit verbringe, alte und ur-uralte Ereignisse immer und immer wieder abzuspielen und alles was JETZT geschieht, mit dieser Vergangenheit zu verknüpfen:
Ist ja klar, ich war ja schon immer die, die verliert … die es nicht hinkriegt … die sich zu wenig wehrt … der immer wieder das gleiche passiert … die keinen Erfolg hat … die man nicht versteht … war doch schon in meiner Kindheit so … Ich bin halt ein Opfer und werde es immer bleiben.

Solange ich im DAMALS lebe, ist es ausgeschlossen im JETZT zu leben.

 

Ich war abwesend.

 

Ist es dir auch schon passiert, dass du mit jemandem redest und denkst/fühlst, er/sie hört mir gar nicht richtig zu? Ja, ist dann auch so. Das Gegenüber steht vielleicht vor dem Kühlschrank und überlegt was er/sie noch einkaufen muss. Er/sie ist nicht da nur ihre/seine Hülle sitzt/steht/liegt dir gegenüber. Solche Abwesenheiten nehmen wir, wenn wir darauf angesprochen werden, dann auch wahr. Doch das Programm läuft so subtil, dass wir es die meiste Zeit gar nicht wahrnehmen oder darauf beharren, dass unsere Vergangenheit wichtig ist. Das wir schließlich viel daraus gelernt haben, dass unsere Erlebnisse unser Gewordensein, unseren Charakter hervor gebracht hat …

Was bist du ohne deine Vergangenheit?
Wer bist du JETZT ohne deine Vergangenheit?

Intellektuell ist wohl jedem Menschen zu 100% klar, dass das was vor einer Minute, was vor 10 Tagen, vor 20, 30 oder 40 Jahren oder noch länger, geschah, nicht verändert werden kann. Ich habe für mich die Erfahrung gemacht, ich kann es nur akzeptieren. ALLES. Das Schöne wie das Häßliche.

 

ES IST VORBEI.

WAS IST JETZT.

 

Alles andere ist, gerade für Überlebende von Gewalt und Missbrauch in der Kindheit, das erlernte Programm des Leidens. In meiner jahrelangen Begleitungen von Überlebenden ist mir etwas ganz „Eigenes“, erst an mir und dann an meinen Mitmenschen aufgefallen. Ein Programm, welches stets bei allem sagt: Nie mach ich es richtig … Ich genüge nicht … Ich bin nicht gut genug … ich mache alles falsch … ich bin zu kompliziert … und so weiter und so fort. Also den Fokus immer darauf gerichtet, was an mir schlecht ist und was ich in der Vergangenheit hätte anders machen müssen und es mir für die Zukunft merke um mir, wenn es dann mal wieder nicht wie erhofft läuft, erneut sagen zu können: Ist ja klar … in meinem Leben läuft doch schon seit meiner Geburt … alles schief … Also nochmals von vorne, anders sein, lernen aus der Vergangenheit um / zu …

Um dazu zu gehören … Um zu gefallen … Um richtig zu sein … Um gesehen zu werden … Um liebe zu bekommen … Um nicht aufzufallen … Um nicht anzuecken … Um nicht zu provozeiren … … …

Was bist du ohne deine Vergangenheit?
Wer bist du JETZT ohne deine Vergangenheit?

Was ist JETZT dran im JETZT?

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code